Individualizing Asia
Individualizing Asia
Überall auf der Welt wachsen sowohl die individuelle Freiheit als auch die individuelle Verantwortung. Ebenso in den vermeintlich kollektivistischen Gesellschaften Ostasiens, doch ihre Pfade der Individualisierung unterscheiden sich fundamental von denen der westlichen Welt.
Welche sind die ordnenden Prinzipien unserer Zeit? Die Antwort ist vermeintlich einfach: Die Marktwirtschaft und individuelle Rechte sind weltweite Ideale, der bürokratische Staat ist die anerkannte Organisationsform politischen Lebens und das internationale System besteht aus souveränen Staaten, die in verschiedenen Foren in Verhandlungen treten. Mögen diese Aussagen tendenziell zutreffen, macht sich doch ein gewisses Unbehagen bemerkbar. Stets gibt es Einwendungen zu machen. Augenfällig ist der Eurozentrismus der Aussagen. Freilich sind westlichen Leitmotive in der ganzen Welt zu finden, dennoch kann man Befunde regionaler Prägungen der Gesellschaften nicht leugnen. Von einer globalen Konvergenz in einer neoliberalen Gesellschaft, kann nicht die Rede sein. Selbst im Westen verlieren moderne Konzepte an Bedeutung. Schemenhaft zeichnet sich ein Wandel der Gesellschaft und ihrer Formen ab, der von Ulrich Beck als „Übergang von der ersten zur zweiten Moderne“ identifiziert wird. Gemeint ist, ein globaler Prozess, der viel mit Globalisierung zu tun hat und überall auf der Welt andere Pfade geht, die aber trotzdem Gemeinsamkeiten aufweisen.
In einer Sonderausgabe des British Journal of Sociology haben die beiden Münchner Sozialwissenschaftler Grande und Beck die Frage nach den regionalen Entwicklungspfaden gestellt. Über einen Vergleich der Individualisierung in verschiedenen Staaten Ostasiens, wollen sie erstens besser verstehen, wie sich der Übergang zur zweiten Moderne dort abspielt und zweitens, ob ihr Modell überhaupt weltweit Geltung beanspruchen kann.
Grande und Beck geht es um die ganz großen Themen. Ihr Ansatzpunkt ist, die Beobachtung, dass moderne Staaten die pressenden Probleme der Menschen nicht mehr zu lösen vermögen. Zwar hätten sich die Prinzipien der Moderne fast weltweit durchgesetzt, doch unintendierte Nebenfolgen wie der Klimawandel oder Finanzkrisen bedrohen nun Institutionen wie Individuen; so werden in Westeuropa staatliche Sicherungssysteme abgebaut und Menschen nehmen immer mehr Risiko auf die eigenen Schultern. Es ist inzwischen common sense, dass man für die Rente selbst vorsorgen muss, der Staat kann sich die Alterswohlfahrt nicht mehr leisten. Das Risiko der Altersarmut oder schlechter medizinischer Versorgung wird individualisiert. Die Hauptursache wird in der Globalisierung und der Entstehung von „global risks“ gesehen. Tatsächlich ist es plausibel, dass z.B. durch die hohe Mobilität von Kapital ein gewisser Anpassungsdruck gegenüber Staaten entsteht, der sie zwingt Sozialsysteme abzubauen und somit Individualisierung voranzutreiben. Der Anpassungsdruck, der vom internationalen Wettbewerb in der Wirtschaft ausgeht, verändert die Biographien von Individuen erheblich. Traditionelle Familienstrukturen schützen nicht mehr vor den Risiken des Berufslebens, der Halt in Familie und Gesellschaft nimmt ab, es kommt zur Atomisierung, etc. Im Prinzip besteht die These von der Individualisierung aus vier Bestandteilen:
1) Detraditionalization – das heißt Entwurzelung und Entwertung der traditionellen Werte und Lebensformen einer Gesellschaft
2) Institutionalized disembedding and reembedding of the individual – oder dem Abbau von sozialen Sicherungssystemen und das Herauslösen des Individuums aus der kollektiven Versicherung.
3) Compulsory pursuit of a „life of one’s own“ and lack of genuine individuality. Der Zwang zur Individualität, dem eignenen Stil, der neuen Uniformierung, ein Phänoment, dass man als “awkward individualism” bezeichnen könnte, weil es geradezu aufgesetzte Persönlichkeitsbilder produziert.
4) Biographical internalization of systemic risks – Tatsächlich wird das Risiko nun zur Privatangelegenheit und muss vom Einzelnen allein getragen werden. Der Staat oder die Gemeinschaft übernimmt keine Verantwortung mehr.
Beck und Grande Antrieb für die Sonderausgabe über Ostasien war die Feststelltung, dass die meisten sozialwissenschaftlichen Theorien unter Eurozentrismus leiden und daher keine universalen Aussagen treffen können. Diese Schwäche stellen sie auch bei ihrem eigenen Konzept fest. Tatsächlich basiert die These der Individualisierung auf zwei westeuropäischen Prämissen: 1) sie ist bloß als Antithese zum Neoliberalismus zu verstehen 2) Nur wenn kulturelle Demokratie, Wohlfahrtsstaat und der klassische Individualismus vorherherrschen, treten diese Entwicklungen so ein. Daher muss das Konzept von seinem europäischen Partikularismus befreit werden. Sie öffnen Ihre Theorie daher für die Überprüfung durch Sozialwissenschaftler aus aller Welt, insbesondere Ostasien. Deren Ergebnisse werden in diesem Dossier näher vorgestellt und diskutiert.


Ich finde die Idee der Perspektivöffnung sehr interessant. Aber man sollte ein bisschen trennschärfer mit den Begriffen "neoliberal", "modern", "Globalisierung" umgehen. Denn sie wedern manchmal als Synonyme und manchmal als analytische Begriffe verwendet. Eine Trennung aus "moderne" und "westlichen Werten" wäre ein erster Schritt. Deshalb ist das Projekt so sinnvoll. Es kann dies leisten. Außerdem wäre es spannend zu erfahren, ob die Herausforderung ("Globalisierung") Gemeinsamkeiten aufweist oder die Reaktionen auf diese Herausforderungen. Die Globalisierung immer nur als einen Makroprozess darzustellen, der wie eine Struktur wirkt, verdeckt sehr viel und lässt die unterschiedliche Reaktionen wie "nationale Kulturen" wirken. Damit wird das was eigentlich erklärt werden sollte, schon vorher indirekt als Erklärung eingeführt. Spannende Thematik, aber ein bisschen mehr Trennschärfe bitte :) Ansonsten könnte man auch einfach von einem "Süd- und Nordberliner" Pfad sprechen.